Das YouTube Sinfonieorchester

 

Genau 96 Musiker aus über 70 Ländern, Profis und Laien, wuchsen zu einem Sinfonieorchester zusammen und spielten in der New Yorker Carnegie Hall. Bis heute haben 930.000 Menschen zugehört. Ein Erfahrungsbericht von Maurice Maurer.


Aufgezeichnet von Magnus Heier



Der Anfang des wohl eigenwilligsten und gleichzeitig internationalsten Sinfonieorchesters war eine dürre Zeile auf der Internetseite von YouTube. Die weltweit größte Plattform für private Videos im Internet suchte mit einem kleinen Link Musiker aus der ganzen Welt, um aus ihnen ein Sinfonieorchester zu formen. Die Spielregeln: Jeder interessierte Musiker sollte zwei Stücke einspielen und auf Video aufnehmen. Zum einen eine Auftragskomposition von Tan Dun. Zum anderen konnten die Musiker zwischen fünf Orchesterstellen wählen – unterschiedlich je nach Musikinstrument.

Der Preis: eine Einladung zu einem Konzert in der Carnegie-Hall, New York – Flug und Hotel inklusive. Der Termin: 15. April 2009.


Noch bevor ich das erste Stück angespielt hatte, trug ich mir den Termin ganz optimistisch in den Kalender ein. Meine musikalische Auswahl als Violinist: Die Orchesterstelle der Mozart Es-Dur Sinfonie. Keine eindeutige Ansage eigentlich, die ich auch prompt falsch verstanden hatte. Denn die Organisatoren wollten eigentlich den zweiten Satz hören, ich hatte den bekannteren vierten Satz eingespielt. Das andere Stück von Tan Dun war eine Auftragskomposition für YouTube – unter dem phantasievollen Namen „Internetsinfonie Nummer 1“.  Die ganze Sinfonie war von Ricochet-Stellen durchzogen – für viele Teilnehmer eine Herausforderung. Originell dabei: Gleich nach den ersten Takten hatten die Geiger mehr als eine Minute Pause. Einige der Musiker zeichneten diese freie Minute kompromisslos mit auf – ich habe sie mutig herausgeschnitten.


Beide Videos mussten auf die YouTube-Plattform hochgeladen werden – und waren sofort für jedermann sichtbar, nicht nur für die Teilnehmer. Damit war auch schnell klar, wie viele Musiker sich beworben hatten: Insgesamt 3000 Instrumentalisten konkurrierten um 96 Orchesterstellen. Die Auswahl der Musiker erfolgte in zwei Schritten: Zunächst wurde von Profis ausgesiebt. Einige Musiker der Berliner Philharmoniker und des London Symphony Orchesters suchten aus den 3000 Bewerbern 200 Kandidaten aus. Der zweite Schritt war die YouTube-Community – die Nutzer der Internetplattform von YouTube. Sie sollten unter den 200 verbliebenen Bewerbern ein Orchester aus 96 Musikern auswählen. Ich gehörte dazu.


Der Zeitplan war sehr eng: Ich hatte die Ankündigung des Wettbewerbs Ende Dezember entdeckt – der Einsendeschluss der Videos war der 28. Januar. Ich habe die beiden Videos am letzten Tag vormittags in der Clara-Schumann Musikschule Düsseldorf aufgenommen. Vier Wochen später, am 2. März, wurden die Gewinner bekannt gegeben, und am 15. April war bereits das Konzert.


Dann ging alles sehr schnell: Zwei Wochen vor dem Abflug gab es die ersten Noten, die in der Carnegie Hall gespielt werden sollten, als PDF. Das Programm: eine Zusammenstellung von einzelnen Sätzen aus bekannten Orchesterwerken aber auch Solo Konzerten. Es sollte der 3. Satz aus dem Mozart A-Dur Violinkonzert gespielt werden, jedoch wurde der Solist noch nicht genannt. Erst kurz vor dem Abflug war klar, dass Gil Shaham mit uns spielt!


Es blieb wenig Zeit, um das Konzert einzustudieren. Und zusätzlich bricht ein erstaunliches Medieninteresse über mich herein: Ich war der einzige deutsche Teilnehmer (Sangmin Park von der Musikhochschule in Leipzig ist Koreaner). Es meldeten sich zuerst die Lokalzeitungen – und kurz später SAT1, der WDR, Deutsche-Welle-TV, der SPIEGEL und einige Regionalzeitungen. Der krönende Abschluss waren zeitgleich die Tagesthemen und das Heute-Journal, die über den einzigen Deutschen, einen „Castrop-Rauxeler in New York“ berichteten. Eine außergewöhnliche Erfahrung.


Am Sonntagabend, drei Tage vor dem Konzert: Willkommens-Dinner mit allen Teilnehmern. Auch die Dirigenten waren da: Tan Dun sollte seine eigene Komposition dirigieren. Michael Tilson Thomas, Chefdirigent des San Francisco Sinfonieorchesters, sollte das gesamte restliche Konzert dirigieren. Und vor allem: Auch Gil Shaham - der Geigensolist, war da. Ein sehr netter, offener und vor allem uneitler Mensch.


Am Montagmorgen fuhren die Busse uns zur Juilliard-School zur ersten Probe. Und auch dort: unglaublich viel Presse. Überall Kameras und Mikrofone, die die ersten Töne des YouTube Sinfonieorchesters einsammeln wollten. Meine Pultnachbarin war von der Juilliard School – eine Vertretung, da mein ursprünglicher Pultnachbar aus Mexiko kein Visum bekommen hatte. Eine sehr nette junge Amerikanerin, die aber die Nachmittags-Probe schwänzen musste, weil sie eine Mucke in der Carnegie Hall hatte!


Michael Tilson Thomas führte uns durch unglaublich lange Proben – neun Stunden am Montag, neun Stunden am Dienstag, und noch einmal drei Stunden am Mittwoch bei der Generalprobe. Und dann wurde meine Pultnachbarin krank. Wahrscheinlich ein Opfer aus der unglücklichen Kombination einer leistungsfähigen Klimaanlage und eines hauchdünnen Konzertkleides.


Mittwoch der große Tag: morgens General-Probe in der Carnegie Hall. Ohne Zuschauer wirkte der Raum erstaunlich klein. Abends dagegen, mit 2500 Besucher, war der Eindruck ein völlig anderer: ein überwältigender Konzertsaal. Das ungewöhnliche an dem Konzert war nicht nur der Gastgeber, sondern auch seine Präsentation: YouTube hatte zahlreiche Kamerateams ausgeschickt, um einige der Musiker zu portraitieren. Am Anfang flogen die Bewerbervideos über die Wände der Carnegie Hall – moderiert von Michael Tilson Thomas. Zwischen den einzelnen Musikstücken folgten zahlreiche Videoportraits der Musiker – von den Bermudas, Australien, viele auch aus Asien. Nicht alle der Musiker waren Profis. Vor mir saß etwa ein Schönheitschirurg aus San Francisco, in der Cellogruppe ein professioneller Pokerspieler.


Das Programm selbst war eine Zusammenstellung von Highlights der klassischen Literatur – ergänzt unter anderem durch ein Stück, in dem ein New Yorker DJ seine elektronische Musik mit dem Orchester zusammenführte. Das Konzert war ein erstaunliches Erlebnis: Denn das YouTube Sinfonieorchester, ursprünglich nur zusammengewürfelt aus Profis und Laien aus der ganzen Welt, wuchs tatsächlich zu einer klanglichen Einheit zusammen. Und das in nur drei Tagen!


Die zweite Besonderheit: YouTube ermunterte die Zuschauer ausdrücklich, ihre Videokameras mitzubringen und das Konzert mitzuschneiden. Was sonst bei Strafe verboten ist, wurde eifrig genutzt. Und YouTube stellte das Konzert natürlich auch selbst ins Internet, wo es seither gesehen werden kann. Bis heute hatten wir neben den 2500 Live-Zuschauern weitere 930.000 virtuelle Besucher im Netz.


Siehe auch: Video (die beiden Konzertvideos)

Einer von 850.000 Besuchern...

© Maurice Maurer - www.mauricemaurer.de - 2010